Olympia 2012 Zielvereinbarungen – Exkurs

Zielvereinbarungen – Für die Einen zu hoch für die anderen irrelevant

Was waren das für tolle Olympische Spiele in London. Vor allem der Auftritt der Briten war bemerkenswert. Man hat sich wohl gut vorbereitet auf der Insel. Auch im deutschen Lager gab es tolle Ergebnisse und einige positive Überraschungen: Gold im Beach-Volleyball, gleich zwei Medaillen im Stabhochsprungzwei Medaillen im Speerwurf und auch eine Medaille im Siebenkampf!

Geld schießt keine Tore aber gewinnt Gold…

Olympia 2012 - Investitionen GER & GBR - Quelle: http://www.jensweinreich.de/

Olympia 2012 – Investitionen GER & GBR – Quelle: http://www.jensweinreich.de/

Es hat sehr viel Spaß gemacht, den Athleten bei Ihren Leistungen zuzusehen. Meist handelt es sich ja um Sportarten, von denen man normalerweise wenig bis nichts mitbekommt. Im Gegensatz zu einigen Disziplinen hat unsere Sportart Eishockey da sogar eine ordentliche mediale Präsenz. Wenn ich mir dann vor Augen führe, wie schwer es Clubs, Ligen und Verband mit der Finanzierung haben, frage ich mich natürlich, wie sich das z.B. beim Fechten oder Schießen verhält. Bei meiner Recherche bin ich auf einen Beitrag gestoßen, der hierfür sogar Zahlen bot. In seinem Blogbeitrag beschäftigt sich Jens Weinreich mit Zielvereinbarungen und Fördergeldern. – An dieser Stelle möchte ich mich bei Herrn Weinrich nochmal explizit für die großartige Unterstützung bedanken! – Höchst interessant dabei war für mich eine Vergleichstabelle mit den Geldern, die jährlich in diverse Spitzensportverbände fließen, um sich in der Weltspitze zu etablieren und bei Olympia Medaillenchancen zu haben. Sehr aufschlussreich war zudem natürlich der Vergleich mit Großbritanien. Im Gegensatz zu den USA, Rußland oder China eignet sich der britische Staatenbund bestens (Wirtschaft, Bevölkerungszahl, Infrasrtuktur, etc.) für einen Vergleich mit Deutschland. Ihr alle kennt den Spruch „Geld schießt keine Tore!“. Wenn ich mir diese Tabelle genau ansehe, muss ich aber behaupten: „Geld gewinnt Gold!“ Die Briten habe ziemlich genau doppelt so viel in ihre Athleten investiert wie Deustchland und hat deutlich mehr als doppelt so viele Goldmedaillen geholt. Auch in der Gesamtzahl haben die Insulaner 50% mehr Medaillen als wir. Genau in dem Sinne ist auch der innerdeutsche Vergleich bezeichnend: Die meisten Medaillen holten die Leichtathleten…

Realitätsferne oder schon Utopie?

Gleich zu Beginn des Beitrages von Jens Weinreich kann man den Ursprung der zur Zeit heiß debattierten Zielvereinbarungen, die Vereinbarung zwischen Geldgeber (Bundesministerium des Inneren) und der Verteilstelle (Deutscher Olympischer Sportbund) einsehen. Wie ordentlich, zielführend oder gerecht diese Mittelverteilung erfolgt, wird derzeit höchst kritisch diskutiert, z.T. auch öffentlich. In den nächsten Wochen wird es wohl sehr viel Schuldzuweisungen, Erklärungen, Ausreden und Besserungsgelöbnisse geben. Um eine offensichtliche Begebenheit kommen aber alle, Spitzenverbände, DOSB und BMI, nicht herum. Die gerichtlich erzwungene Offenlegung der Zielvereinbarungen bietet uns nun, über die Investitionen hinaus, auch eine Vergleichsmöglichkeit des Realitätsbewußtsein der Verantwortlichen in beiden Ländern. Unsere oft belächelten Freunde von der Insel haben es sich zum Ziel gemacht, zwischen 65 und 80 Medaillen zu gewinnen. Dafür waren sie bereit jährlich über 66 Mio. Euro zu investieren. Unsere hochqualifizierten Damen und Herren bei BMI und DOSB wollten 86 Medaillen holen. Dafür waren sie bereit, gut 33 Mio. Euro (also ziemlich genau halb so viel!) zu investieren. Das hat mit Definitionen, wie es Herr Dr. Thomas Bach jetzt herunterspielen will, nun wirklich nichts mehr zu tun, oder?

Die Zielvereinbarungen für Sotschi und den DEB

Zielvereinbarungen Sotschi vs. Vancouver - Quelle: http://www.jensweinreich.de/

Zielvereinbarungen Sotschi vs. Vancouver – Quelle: http://www.jensweinreich.de/

Auch für die Winterspiele 2014 in Sotschi gibt es diese Zielvereinbarungen. Insgesamt 40 Medaillen soll Deutschland holen. Auch hier sieht man in diversen Sportfachverbänden einige Schwierigkeiten, bis auf den Skiverband, der prinzipiell bei den Winterspielen sehr gut abschneidet und eine Förderung gar nicht erst beantragt, weil er keine Geldsorgen hat. Warum man komplett darauf verzichtet die Nationenwertung oder Medaillenwertung mit Zielen zu versehen, ist mir nicht ganz klar. Wie genau sieht das jetzt in unserer Sportart aus? Nach Vancouver und der grandiosen Heim WM 2010, müsste ja eigentlich der stets finanziell gebeutelte DEB seine Ziele ebenfalls höher gesteckt und dafür auch zusätzliche Fördergelder (siehe Zielvereinbarung BMI – DOSB bei Jens Weinreich) beantragt haben. Würde man meinen. Es verhält sich jedoch völlig gegensätzlich. Wurde für Vancouver noch mit einer olympischen Medaille als Ziel gearbeitet (wurde nach Turin für die Damen als Ziel gesteckt, die sich dann nicht einmal qualifizierten; A.d.A.), hat man dieses Ziel für Sotschi erstmal verworfen. Auch nach der Heim WM wurde das Ziel nicht korrigiert. Viel interessanter als die Zielvereinbarungen sind für mich die Investitionen. Nachdem DEB-Präsident Uwe Harnos ja auch noch der Deutschen Eislauf Union vorsitzt, ist es doch verwunderlich, dass dorthin 200.000 Euro mehr an Grundförderung fließen, als zum DEB. Seit 2011 gibt es auch hinsichtlich Projektförderung keinen signifikanten Unterschied mehr. An den Medaillenzielen kann dieser Unterschied kaum festgemacht werden. Und jetzt seht Euch bitte mal die Fördersummen für die Nische Snowboard an. Auch hier ist das Ziel zwei Medaillen. Rund 2,7 Mio. Euro erhielten die Snowboarder in den Jahren 09, 10 und 11. Das sind 900.000 Euro/Jahr! Was hätte der Deutsche Eishockey-Bund damit wohl bewegen können? Es ist klar, dass man die Sportarten nicht direkt miteinander vergleichen kann. Aber mich würden die Argumente brennend interessieren, die angesetzt werden, um die Förderunterschiede zu erläutern. Die Einnahmen aus Eigenvermarktung können kaum ein Grund sein. Bleiben noch die Zahlungen von DEL und ESBG an den DEB. Ich stelle mir gerade die Gesichter der Clubmanager vor, wenn sie erfahren, dass der DEB auf Fördergelder verzichtet, weil man genug Geld aus den Ligen bekommt. Das dürfte für Furore sorgen…

BMI Investitionen Winterolympiade - Quelle: http://www.jensweinreich.de/

BMI Investitionen Winterolympiade – Quelle: http://www.jensweinreich.de/

Gut aufgestellt sieht anders aus

… muss ich da sagen! Dies könnte durchaus auch ein Grund für die niedrige Fördersumme sein. Als Beispiel kann man sich ja mal den Deutschen Volleyball-Verband vor Augen führen und die personelle Struktur mit der, des DEB vergleichen. Einen Generalsekretär gibt es in beiden Verbänden. Die obligatorische Sekretärin dazu ebenfalls. Und dann ist es bereits vorbei mit der Vergleichbarkeit! Den Sportdirektor, einen Referent Leistungssport, eine(n) Referent(in) Leistungssport Nachwuchs und einen Koordinator Fachsparte (hier Beach-Volleyball, beim Eishockey könnte es z.B. einen Koordinator DEL geben) sucht man beim Deutschen Eishockey-Bund vegeblich. Einzig der derzeit beim Volleyball nicht besetzte Jugendreferent könnte mit viel gutem Willen in der Person von Herrn Pfuhl gesehen werden. Darüber hinaus muss man sehen, dass die DVL unter dem Dach des DVV angesiedelt ist, ein ordentlicher Kooperationsvertrag existiert und sich die DVL dennoch bestens selbst vermarkten kann. Nach dem diese Strukturen im Volleyball nun einegführt wurden und sich durchgesetzt haben, hat der Verband das beste Ergebnis seit sehr langer Zeit eingefahren, und in der Fachsparte Beach-Volleyball sogar die Goldmedaille geholt. Und das alles mit BMI Mitteln in Höhe von ca. 1,2 Mio. Euro jährlich. Jetzt stellt Euch mal vor, man hätte im Eishockey ähnliche Voraussetzungen geschaffen, anstatt sich mit grob einem Drittel zu begnügen. In dieser Hinsicht ist man nicht einmal die einzige Mannschaftssportart.


Was stimmt denn hier eigentlich nicht?

Wir sind uns doch alle im Klaren, dass sich die DEL sehr viel besser vermarktet als die DLV. Man verfügt im Eishockey über deutlich mehr Zuschauereinnahmen (Der zweitbeste deutsche Volleyball Club hat 2000 Zuschauer im Schnitt!), mehr Fernseheinnahmen (Während die DEL gerade einen guten Deal mit Servus TV abschließen konnte, freuen sich die Volleyballer über den ersten Vertrag seit 6 Jahren!), mehr Sponsoreneinnahmen, mehr Merchandising Einnahmen und schafft es nicht, sich national wenigstens gleichwertig aufzustellen! Warum Eishockey hinsichtlich der Einnahmen die Nase noch vorne hat, verstehe ich allerdings nicht so ganz. Betrachten wir mal die mediale Präsenz der Volleyball Nationalmannschaft und dazu den PR-Bereich der Deutschen Volleyball-Liga, in dem man eine umfangreiche Auswahl an Download Dateien erhält und setzt den Medienbereich der DEL daneben, der gänzlich geschlossen ist, sowie die Abwesenheit der Eishockey Nationalmannschaft in den öffentl. rechtl. Sendern, steigt der Grad an Unverständnis. Bezeichnend und schon fast stimmig ist für mich im Bereich Medien auch die Kleinigkeit, dass man auf der DVL Fanpage Beiträge posten kann, bei der DEL wiederum wird dies nicht ermöglicht. Warum sollten sich Sponsoren und Medien bei all dieser geballten Verschlossenheit dem Eishockey in Deutschland überhaupt noch zuwenden? In den letzten Jahren haben sowohl Handball als auch Basketball die Sportart Eishockey mit ihrer medialen Reichweite im Ligenbetrieb überholt. Jetzt muss man, trotz Servus TV, wahnsinnig aufpassen, dass uns die Volleyballer nicht auch noch hinsichtlich Live-Übertragungen der Ligenspiele beim Überholen lächelnd zuwinken! Apropo Handball und Basketball, lasst uns doch mal den Kreis erweitern. Nehmen wir also die Teamsportarten Basketball und Handball dazu, erweitern das Feld noch mit Rasenhockey und vergleichen die Fördersummen. Woher kommt dieses immense Ungleichgewicht? Während man im Basketball und Handball genauso abgespeist wird, wie im Eishockey, erhält der Hockey-Verband sogar nochmal eine deutlich höhere Summe als der Volleyball-Verband. Komischer Weise sind sowohl im Handball als auch im Basketball die Topligen losgelöst von ihrem Fachverband zum Zwecke der Alleinvermarktung…

Darum die Vision: Alles unter ein Dach!

Und jetzt kommen wir nämlich wieder zurück zu der Vision, alles unter das Dach des DEB zu holen. Man stelle sich eine ordentlichen Struktur, zielorientierten Fördermittelabruf und -einsatz, Synergien im Ligenbetrieb und eine leistungssportorientierte Personalstruktur vor. Abgesehen davon, kann in solchen Strukturen auch ein einheitliches Spiel- und Taktiksystem besser etabliert werden. Fitness-, Athletik- und Krafttraining wären optimal abstimm- und einheitlich prüfbar. Und jetzt kommt es knüppeldick für unsere beiden Top-Ligen! Man sollte sich überlegen, wofür man 700.000 Euro eingespartes Geld als DEL und 200.000 Euro eingespartes Geld als ESBG sinnvoll verwenden könnte. Dies alles scheint derzeit allerdings auf Grund der persönlichen Feden, die zwischen DEB, DEL und ESBG ausgetragen werden, völlig unmöglich.

Die Gründe für einen Personal- und Strukturwechsel beim DEB werden für mich immer offensichtlicher. Ganze 15 Mann sahen das am 18.08. bei einem “Demoversuch” in München genauso. Erst wenn Anfang 2013 dann klar ist, dass Olympia in Sotschi ohne die deutsche Eishockey Nationalmannschaft stattfindet wird, kommen alle wieder aus Ihren Löchern gekrochen und veranstalten Banneraktionen und fordern runde Tische. Aber zur verpassten Chance 2012 und der gefloppten Demo in München wird es einen eigenen Beitrag geben…

Trübsinnige Grüße

Manuel Hiemer

Über Manuel Hiemer

Vizepräsident Landeseissportverband Sachsen-Anhalt; Vorstand Eis- und Sportverein Halle (Saale) e.V.; Inhaber M Solutionis (Online Marketing Agentur); ehem. Eishockeyspieler (EHC München, Dragodiles Bad Aibling, EV Landsberg, Star Bulls Rosenheim, Bemidji State Beavers, Silver Bay Mariners, Sportbund DJK Rosenheim)

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