Olympia in Sotschi ohne Eishockey-Herren, dafür mit einer Hallenserin?

Vom Funktionärskritiker zum Funktionär

Mitte November hatte ich hier zum letzten Mal meine gedanklichen Ergüsse zum Besten gegeben. Das ist nun schon eine geraume Zeit her. Der Grund dafür war eine Wahl. Diese Wahl fand ganze zwei Tage nach der Publikation des letzten Artikels statt. Der ESV Halle e.V. hatte seine turnusmäßige ordentliche Mitgliederversdammlung inkl. Neuwahl des Vorstandes. Tatsächlich wurde ich hier als Vorstand vorgeschlagen. Dass ein derartiges Amt auch einiges an ehrenamtlicher Arbeit, zusätzlichem Stress und eine Portion Verantwortung mit sich bringen würde, war mir klar. Aber man kann nicht ständig an den Funktionären dieser Sportart Kritik üben und die Chance, es selbst anders zu machen, auslassen, wenn sie sich bietet. Darum habe ich mich zur Wahl aufstellen lassen und wurde als 3. Vorstand (altdeutsch: Kassenwart) gewählt. Es folgte eine Phase der Einarbeitung, der „meet & greet“ Gespräche mit Abteilungsleitern, Trainern und Mitgliedern als auch diverse Vorstandssitzungen, um sich abzustimmen. Denn Probleme gibt es natürlich nicht nur bei unserem großen Verband, sondern eben genauso an der Basis, wie z.B. in einem Verein wie dem ESV Halle. Da man natürlich seine reguläre Arbeit nicht vernachlässigen darf, besonders wenn man selbstständig ist, blieb keine Zeit mehr übrig, Hockeyblog-Beiträge zu verfassen.



Freude und Ärger über den Abstieg der U18 Natinalmannschaft der Damen

Keine 6 Wochen im Amt, wurde ich zum ersten Mal von zwei Seiten mit einer Eishockey-WM konfrontiert (in der Vergangenheit  gab es entweder die Seite des Sportlers oder später die Seite des Blogauthors). Um den Jahreswechsel herum fand die U18 Weltmeisterschaft der Damen in Finnland statt. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Mädels stiegen ab! Doch das war eben nicht das Ende der Geschichte! Denn im Kader befanden sich erstmals zwei Spielerinnen aus Halle. Die erste Teilnahme eines Hallenser Eishockeysportlers bei einer WM. Besser gesagt waren es zwei Sportlerinnen. Lara Fischer und Irene Heise (Anfangsjahrgang!) gaben ihr Bestes! Mit beiden Mädchen habe ich mich nach ihrer Rückkehr unterhalten. Beide waren natürlich begeistert, an einer Weltmeisterschaft teilgenommen zu haben. Die Trauer um den Abstieg hielt sich in Grenzen. Zu neu und zu imposant war das Erlebnis. Gemeinsam wollen sie ihre Erlebnisse in Finnland niederschreiben und auf der Vereinsseite veröffentlichen… Ich verspürte ein Zucken am Herzen! Eigentlich müsste man das Scheitern der U18 Mädchen wieder darlegen, nach den Ursachen forschen und prüfen, was man besser machen kann. Doch die Entscheidung fiel gegen einen weiteren Beitrag dieser Art. Warum? Ich war irgendwie stolz auf Lara und Irene! Obwohl sie abgestiegen sind, avancierten sie durch ihre Teilnahme zum Aushängeschild des Hallenser Eishockeynachwuchses.

U18 Weltmeisterschaft 2012 GER vs CAN Irene Heise

U18 Weltmeisterschaft 2012 GER vs CAN Irene Heise

Die Arbeit an Strukturverbesserungen

Mit zwei Spielerinnen im WM-Kader und zwei jungen Spielern in den Auswahlmannschaften machten wir uns motiviert an die konzeptionelle Arbeit im Bereich Nachwuchs. Es geht darum, die zweite Mannschaft (spielt in der Regionalliga Ost) stärker in Richtung Nachwuchsspieler auszurichten, Trainingsbedingungen zu verbessern, Möglichkeiten der Bindung von Talenten zu entwickeln, Kontakte zum Olympiastützpunkt aufzubauen und ein Nachwuchsgewinnungskonzept zu realisieren. Halle ist keine strukturelle Eishockeyhochburg wie Rosenheim, Landshut, Köln, Mannheim oder Berlin. Man hat es aber in den letzten Jahren vollbracht, eine Marke in der Stadt zu etablieren: Die Saale Bulls. Diese Marke gilt es nun nachhaltig auszubauen und aus ihr einen Eishockeystandort zu entwickeln, der Nachwuchstalente entwickelt und fördert. Wie schwierig Rahmenbedingungen sein können, wie verstrickt Sport und Politik sind und an welchen Ecken und Enden man abseits des sportlichen Bereiches als Vorstand noch arbeiten muss, ist für einen „Rosenheimer Sprößling“ nicht immer sofort verständlich. Eines halte ich mir allerdings stets vor Augen! Ich werde mich an meiner selbst ausgesprochenen Kritik gegenüber Eishockeyfunktionären in Deutschland messen (lassen müssen)! Ich werde die Erfahrungen der letzten beiden Jahre bei meinem Handeln berücksichtigen! Die zuletzt gewonnen Informationen sollen helfen, Fehler zu vermeiden.

Hallenser Nachwuchstalent Ehrhardt im Dienst der 1b auf dem Sprung zu den Saale Bulls

Hallenser Nachwuchstalent Ehrhardt im Dienst der 1b auf dem Sprung zu den Saale Bulls

Olympia in Sotschi ohne Nationalmannschaft der Herren

… aber vielleicht schafft ja eines unserer beiden Mädchen den Sprung aus der U18 in die Damen Nationalmannschaft. Natürlich ist dieses Ziel etwas hochgegriffen, aber wenn man einmal Lunte riecht…! Nachdem die Herren der Schöpfung kläglich scheiterten, sich für Olympia zu qualifizieren, werden die Eishockeyaugen 2014 in Sotschi einzig auf unseren Damen ruhen. Für einen so jungen und mitten in der Entwicklung stehenden Standort wie Halle wäre es eine Sensation, wenn man tatsächlich mit einer Olympiateilnehmerin aufwarten könnte! Man hätte so viel stärkere Argumente bei Gesprächen mit der Stadt, mit dem Landessportbund, mit dem Olympiastützpunkt oder auch mit Sponsoren für die Nachwuchsabteilung, wenn es darum geht, den Eishockeysport besser zu fördern. Da gab es dementsprechend Grund zum Jubeln, als am Wochenende die Eishockey Nationalmannschaft der Damen eher etwas überraschend die Qualifikation für Olympia 2014 schaffte. Doch am Sonntag folgte postwendend schon wieder die unglaubliche Ernüchterung über das katastrophale Scheitern der Herren.

Zwei erfolglose Jahre der Veränderungsversuche und dennoch Hoffnung

2010, nach einer grandiosen Weltmeisterschaft im eigenen Land hätte man im Eishockey das Momentum in der Hand gehabt, Veränderungen zu forcieren, Förderungserhöhungen zu argumentieren und das Anspruchsdenken zu ändern. Es folgten allerdings zwei Jahre, in denen man jegliche Chancen diesbezüglich kontinuierlich kaputt machte. Umgehend meldeten Kassel und Frankfurt den Rückzug aus der DEL, nur ein Jahr später entstand ein derart peinlicher Streit um Kooperationsverträge, dass die Fans begannen hellhörig zu werden. Immer tiefer wurden die Grabenkämpfe geführt, bis im Frühjahr 2012 fast alles eskalierte. Doch man beschwor sich, dass nicht Veränderungen zielführend sind, sondern die Beibehaltung aktueller Vorgehensweisen, damit man im Januar 2013 die Olympiaqualifikation nicht gefährde. Im November 2012 beschloss ich, mich nicht mehr mit den Situationen an der Spitze zu befassen, sondern im ganz kleinen Bereich zu engagieren. An der Basis, dem Nachwuchsbereich in den einzelnen Vereinen, kann man sich einbringen und Dinge bewirken. Die Zerstörung von oben herab kommt von selbst (siehe vergangenes Wochenende) und wird zwangsweise in absehbarer Zeit Veränderungen mit sich bringen. Ich hoffe nur im Sinne aller möglichen Schützlinge, die dem Nachwuchsbereich der Saale Bulls emporklettern, dass sich die Veränderungen sehr zeitnah in positiver Weise vollziehen! Ich wünsche mir für Lara und Irene, dass sie in den nächsten Jahren ein Umfeld beim DEB vorfinden, welches sich deutlich vom Status Quo unterscheidet!  In der Zwischenzeit arbeite ich mit meinen Kollegen an der lokalen Baustelle hier in Halle weiter…

Euer (Nicht-Schreibtischtäter)

Manuel Hiemer

 

Über Manuel Hiemer

Vizepräsident Landeseissportverband Sachsen-Anhalt; Vorstand Eis- und Sportverein Halle (Saale) e.V.; Inhaber M Solutionis (Online Marketing Agentur); ehem. Eishockeyspieler (EHC München, Dragodiles Bad Aibling, EV Landsberg, Star Bulls Rosenheim, Bemidji State Beavers, Silver Bay Mariners, Sportbund DJK Rosenheim)

One Response to “Olympia in Sotschi ohne Eishockey-Herren, dafür mit einer Hallenserin?”

  1. Marius sagt:

    Ein schöner Artikel! Eine gute Mischung aus Erfahrung, Traum und Wirklichkeit.

    Good job Manu:)

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